Zimmer 7

Der Sommer ist vorbei, die Tage werden kürzer, es wird kälter, es regnet häufiger, Menschen haben plötzlich nur noch graue Klamotten im Schrank, im Radio läuft melancholische Musik von Lana del Rey (#kennter… die, die wenn sie mal nicht traurig ist, gern heult – Stichwort : Sommerzeittraurigkeit) Spekulatius findet sich, neben ersten Schoko-Weihnachtsmännern, im Supermarktregal und es sind nicht mehr viele Mondphasen bis der Weihnachtsmann himself die Geschenke unter den Baum legt. Es wird Herbst. Ich persönlich kann der Jahreszeit (neben den bunten Blättern) nicht so viel abgewinnen, aber darum soll es hier nicht gehen.

Ich merke es gerade schon an meiner Arbeitsstelle, die Hälfte der Belegschaft ist krank zuhause, die andere ist auch am husten und schnupfen. Herbst und Winter bringen leider unweigerlich die ein oder andere (insbesondere Kinder-)Krankheit mit sich, die sich unter Umständen doch mal ein Fachmann ansehen sollte.

Womit wir dann auch beim Thema wären:

Ärzte, bzw. heute ganz speziell Kinderärzte.

Ich habe vor kurzem einen Beitrag im Stern gelesen, „…Terminärger beim Kinderarzt – ein Mediziner erklärt, was dahintersteckt…“ , bis hierher jetzt keinen eigenen Beitrag wert, allerdings bin ich mit der ein oder andern Aussage des Arztes nicht wirklich zufrieden.

Ich hab mir also mal die Mühe gemacht und den Beitrag aus Sicht der (meiner) Elternseite zu kommentieren. Zusätzlich hat sich Lili (danke dafür) bereit erklärt, das ganze noch aus der Sicht einer Person aus dem medizinischen Bereich zu kommentieren #woohoo, Teil-Gastbeitrag #quasi.

Ohne weiter Umschweife geht´s also direkt los:


Reporter vom Stern – schwarz

Kinderarzt – grau

Ich – grün

Lili – violett


 

Einleitung

Dürfen Kinder- und Jugendärzte kranke Kinder einfach so abweisen? Ja, sagt ein Mediziner – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Er erklärt, warum manche Ärzte gar keine andere Wahl haben.

Ein Vater will mit seinem Kind zum Arzt gehen. Doch er wird abgewiesen. So geschehen im Raum Osnabrück [und tagtäglich in vielen Kinderarzt-Praxen bundesweit].

Dieser und ähnliche Fälle sorgen regelmäßig für Ärger – innerhalb der betroffenen Familie, aber auch in der Öffentlichkeit.

 

Haben Sie Verständnis für den Frust der Menschen? (Stern)

Natürlich, das ist doch ganz klar. Man darf aber nicht das Hauptproblem außer Acht lassen, das zu solchen Situationen führt: Einige Kinder- und Jugendärzte sind schlicht an der Belastungsgrenze angekommen.

 

Woran liegt das?

Wir haben inzwischen viel mehr Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen als noch vor einigen Jahren, müssen mehr impfen, haben eine gestiegene Geburtenrate und auch viele Flüchtlingskinder zu betreuen. Alles zusammen führt zu einem deutlich höheren Aufwand für Kinder- und Jugendärzte. Auch die Eltern tragen dazu bei.

Oftmals sind die Probleme (zumindest die organisatorischen, die der Arzt selbst beeinflussen kann) auch schlichtweg hausgemacht, selbstverständlich wird der Aufwand mehr, aber gerade unter den genannten Umständen muss einfach die Praxisorganisation vernünftig laufen.  Als Beispiel kann ich hier unsere eigene Kinderarztpraxis nennen.

Es ist praktisch unmöglich unseren Kinderarzt telefonisch zu erreichen (Tageszeit egal), dass führt dann natürlich dazu, dass alle Eltern (und sei es nur für die Terminvereinbarung zur U-schlagmichtot) in der Praxis aufschlagen.  

Wie oben schon steht, müssen heute viel mehr „U´s“ gemacht werden als vor ein paar Jahren. Wenn ich da an unseren Kinderarzt denke, der sich 45 Minuten Zeit für eine „U“ nimmt und liebevoll und einfühlsam auf Kind und die Helikoptereltern eingeht…das braucht einfach Zeit!

 

Was meinen Sie damit?

Früher sind die meisten Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gegangen, wenn es fieberte oder erkältet war. Heute wollen sie schon zu einem frühen Zeitpunkt wissen, ob ihr Kind normal intellektuell reagiert, ob es eine Verhaltensstörung, eine Lernstörung oder ADHS hat. Das ist absolut verständlich. Aber all diese Gespräche brauchen Zeit. Die fehlt dann an anderer Stelle.

 

Hat sich der Fokus bei Eltern verschoben?

Das kann sein, gefühlt auf jeden Fall. Wir sind in unserer Praxis sehr oft mit entsprechenden Fragen von Eltern konfrontiert.

Ich denke nicht, dass sich der Fokus von Eltern großartig geändert hat, hauptsächlich möchten alle Eltern doch nur, dass es ihren Kindern gut geht – wie schon seit je her. Sicherlich kommen viele Eltern mit Anliegen wie „Nachfragen nach intellektuellem Stand“ auch auf Geheiß von Erziehern/Lehrern zu ihren Kinderärzten; welche ja letztlich auch der Ansprechpartner für solche Fragen sind. Es gibt mit Sicherheit die ein oder andere Helikopter-Mutti, die den wöchentlichen Kinderarztbesuch zelebriert (was es aber früher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – wenn auch unter anderer Bezeichnung- genauso gegeben hat) aber das Gros der Eltern zählt hier sicherlich nicht dazu.

Ein großes Problem. Das größte, wie ich finde. Die Eltern haben einen immensen Beratungsbedarf. (so gehen da die Meinungen auseinander – was meint ihr dazu?).Als niedergelassener Arzt kann man diesen Ansprüchen, so gut wie unmöglich, gerecht werden. Für mich steht fest, dass die Mehrzahl der Eltern definitiv so ist. Jegliche Intuition seinem Kind gegenüber wird doch schon im Keim erstickt. Die Kinder kommen  mit unzähligen Diagnosen auf die Welt. Wer nicht mit 5 Monaten „dada“ macht ist schon entwicklungsgestört und wer nicht mit 8 Monaten freudig auf alles zeigt und „da“ sagt ist kaum noch zu retten.

Viele Eltern sehen sich einem wahnsinnigen Druck ausgesetzt, dass ihr Kind so früh wie möglich Leistung bringen muss.

Mein Kind kann schon dies, mein Kind kann schon jenes“ #werkenntdasnicht.

Da wird man schnell verrückt gemacht. Selbstverständlich rennen diese Eltern dann zum Arzt und wollen sich bestätigen lassen, dass mit ihrem Kind alles i.O. ist; auch wenn sie mit 18 Monaten noch nicht laufen möchten. Fragt man rum, sagen die meisten Eltern, dass sie total entspannt seien. Gräbt man aber mal tiefer und erzählt, welche Ängste man selbst hat, dann merkt man schnell, dass es verdammt vielen genau so geht.

 

Wie oft kommt es vor, dass Kinder beim Arzt abgewiesen werden müssen?

Das lässt sich schwer beziffern, aber wir vom Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte hören immer wieder davon. Natürlich ist jeder einzelne Fall ärgerlich, aber insofern verständlich, da die Qualität ärztlicher Betreuung erhalten bleiben muss. Ab einer bestimmten Anzahl an Patienten ist die Gefahr groß, dass diese Qualität leidet.

Grundsätzlich begrüße ich das Ablehnen von Fällen, bei denen tatsächlich Abwarten besser wäre (Kind hat seit 2 Tagen Husten, oder Ähnliches), das Problem ist aber, dass man als Elternteil schlichtweg manchmal eben nicht einschätzen kann, ob es sich nun gerade um einen „Abwarten-Fall“ handelt, oder doch um etwas Ernstes.

Sehe ich ähnlich, allerdings muss bedacht werden, dass Beratungsbedarf der Eltern deutlich gestiegen, die Zahl der Kinderärzte aber nahazu gleich geblieben ist.

 

Dürfen Eltern auch ohne Termin mit ihrem Kind zum Kinder- und Jugendarzt?

Eine wichtige Frage. Wir hören immer wieder, dass Eltern sich beschweren, sie hätten die Praxis telefonisch nicht erreicht (sag ich ja). Kein Wunder, da vor allem in den Morgenstunden das Telefon oft ohne Unterlass klingelt. Besser ist es natürlich, einen Termin auszumachen. Aber wenn es eilt und das Kind richtig krank ist, können Eltern auch ohne Termin in die Praxis kommen. Jeder Arzt hat Zeiten, in denen er eine offene Sprechstunde anbietet.

Auch hier wäre es eben wichtig für eine vernünftige Praxisorganisation zu sorgen. Wenn die Schwestern zwischen der Patientenannahme und dem „Zuweisen“ #HerrDödelRaumNr7bitte in die einzelnen Behandlungsräume auch noch Telefonate annehmen müssen, dann ist doch logisch, dass da mindestens eine der Tätigkeiten zu kurz kommt. Hier wäre es beispielsweise sinnvoll eine Sprechstundenhilfe nur für Telefonate abzustellen.

 

Wie viele Kinder betreuen Sie im Quartal?

In etwa 2100 Patienten – mal etwas mehr, mal etwas weniger. Alleine kann ich das nicht bewältigen, da brauche ich Unterstützung. Ich habe deshalb zwei Fachärztinnen angestellt, die zusammen 30 Wochenstunden in der Praxis arbeiten. So haben wir eine etwas größere Kapazität.

Ein kleines Rechenbeispiel:

2100 Patienten, bei durchschnittlich 60 Arbeitstagen zu 9h ; also 540 Arbeitsstunden im Quartal, macht das 4 (3,88) Patienten pro Arbeitsstunde.

Der Arzt hätte also 15Min. pro Patient zur Verfügung. Ganz ehrlich, da würden sich vermutlich 99% aller Kinderarztpatienten drüber freuen. Man könnte jetzt zwar dagegenhalten, dass er natürlich auch noch Buchhaltung und generelle Praxisorganisation abwickeln muss, aber da wären ja auch noch die Arbeitsstunden der Fachärztinnen, die er noch angestellt hat – 360h im Quartal). Ich bin der Meinung, dass das kein Argument für eventuelle Abweisungen sein darf.

Am Beispiel unseres Kinderarztes (wir sollten vielleicht mal über einen Wechsel nachdenken) lässt sich auch gut erkennen, wie so hohe Patientenzahlen zustande kommen. Jeder Arzt hat die Möglichkeit einen Aufnahmestop zu verhängen (kennen die meisten von euch sicher vom Frauenarzt), es obliegt also jedem Mediziner selbst, in wie weit er seine Patientenkartei aufbläht. Klar, auch Ärzte wollen/müssen Geld verdienen und jeder Patient ist eine potentielle Einnahmequelle, aber es sollte eben auch nicht vernachlässigt werden, dass Zitat: „… die Qualität ärztlicher Betreuung erhalten bleiben muss“. In unserem Fall handelt es sich um eine Praxis mit zwei praktizierenden Kinderärzten, deren Sprechzeiten wie folgt aussehen:

Sprechzeiten

Montag bis Mittwoch 10h und Freitag 4:30h, insgesamt also 44:30h pro Woche. Nun ist es so, dass der Patientenbestand auf die Anzahl der Ärzte ausgerichtet ist (es wollen ja beide etwas dabei verdienen) und somit natürlich eine Patientenanzahl entsteht (außen vor sind hier Ärzte mit „besonderen vertraglichen Verpflichtungen„, und Notfallbehandlungen), die – gerade in Stoßzeiten – den gerade anwesenden Arzt (es sind nie beide da) an, bzw. über seine Grenzen hinweg beansprucht. Hier ist aus meiner Sicht ganz klar der Fehler zu suchen.

Kurz vorweg: Ein Neugeborenes darf NICHT abgelehnt werden. Wenn man also mit seinem 3 Tage alten Kind beim Kinderarzt anruft um einen Termin für die U3 zu machen, darf er nicht ablehnen selbst wenn er weiß, dass seine Kapazität schon lange ausgereizt ist.

Das sollte man auch immer im Hinterkopf behalten!

Solche Fälle machen doch aber nicht DEN LÖWENANTEIL aus, der das Fass dann letztendlich zum überlaufen bringt, oder?

 Zumindest spielt es auch keine unwesentliche Rolle, die U3 ist i. d. R. die erste „U“ die die Eltern außerhalb des Krankenhauses durchführen. Also schon mal selbstständiger als vorher. Die meisten haben in der Zeit schon keine Nachsorgehebamme mehr oder die kann nur selten kommen weil sie genau so überlastet ist wie die Kinderärzte.

Jetzt sitzen da die jungen Eltern mit ihrem Mini-Baby und haben selbstverständlich sehr sehr viele Fragen. Für eine gute Beratung während einer U3 braucht es einfach viel Zeit.  

Es ist leider so, dass Kinderärzte viel zu wenig dieser Zeit haben, wenn sie ihren Job richtig machen wollen. Zu allem Überfluss kommt dann eben auch noch der Beratungsbedarf der Eltern (der sehr oft deutlich unterschätzt wird). Nur ein kleiner Teil der Eltern ist hier (verständlicherweise) wirklich entspannt und verlässt sich da auf seine Intuition.

 

Wie sieht ein normaler Berufsalltag bei Ihnen aus?

Das regelt jeder Kinder- und Jugendarzt etwas anders. In unserer Praxis bieten wir morgens eine offene Sprechstunde an. Da kann jeder kommen, weil viele Kinder über Nacht erkranken und Eltern das Kind so schnell wie möglich zum Arzt bringen wollen und sollen. Wir wiederum können die Kinder rasch untersuchen und beurteilen, ob etwas Ernstes dahinter steckt. Zu diesen Stoßzeiten kann es schon mal sehr voll werden, vor allem wenn Infekte in Kitas und Schulen die Runde machen. Nachmittags ist es meist etwas ruhiger, weil wir dann überwiegend Termine abarbeiten. Aber natürlich kommen auch dann immer noch erkrankte Kinder und Jugendliche, die wir versorgen.

Überstunden?

Immer. Ich komme nie um 17 Uhr raus, selten um 18 Uhr, meistens gegen 19 Uhr. An stressigen Tagen manchmal sogar später.

An dieser Stelle möchte ich meinen Hut ziehen und ganz klar sagen, dass Kinderärzte mit Sicherheit (in den meisten Fällen) keinen entspannten Arbeitsalltag haben. Das mag auch einer der Gründe sein, warum es teilweise an Nachwuchs fehlt.

 

Mussten auch Sie schon Patienten abweisen?

Irgendwann ist eine Grenze erreicht, ganz klar. Das passiert meist in der kalten Jahreszeit, wenn Erkältung und Grippe Hochsaison haben. Natürlich geht das nur, wenn ein funktionierendes Notdienstprogramm existiert. Also wenn irgendwo Praxen Notdienst haben oder Krankenhäuser in der Nähe sind. Natürlich wägen wir auch ab: Schwer kranke Kinder werden nie abgewiesen. Ist das Wartezimmer voll und Eltern kommen mit einem Fünfjährigen, der leichten Husten hat, ist man eher geneigt, zu Hausmitteln und zum Abwarten zu raten.

Passiert es oft, dass Eltern ihre Kinder mit Banalitäten zum Arzt schleppen und dann die Termine vollstopfen?

Es gibt viele Fälle, die nicht unbedingt bei uns in der Praxis vorgestellt werden müssten, das stimmt.

Auch hier kann man nur wieder fragen, woher die Eltern wissen sollen, ob es nun etwas ist, was einer ärztlichen Begutachtung bedarf? Sicher lernt man es mit der Zeit besser einzuschätzen, aber man sollte den Eltern schon eingestehen, dass sie sich sorgen und dementsprechend auch den ärztlichen Rat hinzuziehen möchten (Banalitäten wie Husten selbstredend außen vor gelassen).

Nicht zu vernachlässigen ist, dass selbst ein banaler Husten für viele Eltern der blanke Horror sein kann. Für Jemanden, der wirklich entspannt der Entwicklung seines Kindes zusehen kann (darum beneide ich diese Menschen) ist es sehr schwer vorstellbar, dass für viele Eltern der Körperliche und Mentale Gesundheitszustand des Kindes eine Panik auslösen kann, die weit über die normalen Ängste hinausgeht.

Hier finde ich, dass der Arzt dann seine Arbeit nicht gut genug gemacht hat. In solchen Fällen müsste entsprechend Aufklärungsarbeit geleistet werden. Außerdem sollte vielleicht auch der ein oder anderen Helikoptermutter (ja, es gibt da sicher auch Männer) mal der Kopf gewaschen werden, damit da ein bisschen mehr Sensibilität diesbezüglich einkehrt.

Die Aufklärungsarbeit kann der Arzt nicht abdecken! Es müsste grundsätzlich im Kern des Problems angesetzt werden, Prävention statt Intervention oder gar Rehabilitation.

In Prävention wird aber so gut wie kein Geld investiert. Es wird immer erst gemault, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Krankenkassen & Co. könnten beispielsweise Kurse für Eltern anbieten, in denen sie LERNEN (denn das müssen viele)was die Körpersignale ihrer Kinder überhaupt bedeuten; wie man reagiert; wie man entscheidet wann das Kind „krank“ ist.

Diese Kurse will aber selbstredend keiner bezahlen. Und ja, viele Hellikoptereltern sollten sich vielleicht erst einmal besser selbst reflektieren, bevor sie das Gesundheitssystem mit ihrem Verhalten belasten. Hier stellt sich dann aber die Frage: Wer fängt dann eben jene Eltern auf, die mit ihren Ängsten um ihre Kinder nicht klar kommen?

Ein Problem ist ganz klar, dass man einem Menschen, der Angst hat, nicht einfach sagen kann, dass er keine haben muss. Das funktioniert nicht. Mir geht es hier hauptsächlich um Ängste, bzw. dem Umgang mit Ängsten, der über ein „normales“ Maß an Besorgtsein hinausgeht. Und davon sind mehr Menschen bzw. junge Eltern betroffen als man meint.

 

Woran liegt das?

Meist liegt das am Druck der Familie: dass Großeltern die noch jungen Eltern dazu drängen, zum Kinderarzt zu gehen. Oder wenn Eltern noch unerfahren in Bezug auf Kinderkrankheiten sind, etwa wenn sie ihr erstes Kind haben. In der Regel werden Eltern mit jedem weiteren Kind entspannter.

Viele Eltern erscheinen beim Kinder- und Jugendarzt, weil sie Bescheinigungen brauchen: Eine Bescheinigung für den Arbeitgeber, dass das Kind krank ist und sie zuhause bleiben müssen. Eine Bescheinigung für die Kita, dass das Kind wieder gesund ist und von ihm keine Ansteckungsgefahr mehr ausgeht.

Reiner Bürokratismus. Das sind Zeitfresser, die in Arztpraxen eigentlich nichts zu suchen haben (Wo  sonst, wenn nicht beim diagnostizierenden Arzt?). Ich würde mir ein Umdenken wünschen. Arbeitgeber sollten zu ihrem Personal Vertrauen haben und ihnen glauben, wenn sie zusichern, dass das Kind krank ist. Kitas wiederum sollten Eltern glauben, wenn sie sagen, das Kind ist wieder gesund, wir waren gestern damit beim Arzt, der gesagt hat, dass es wieder in die Kita kann. Mit gutem Willen ließe sich einiges verändern.

Dem kann ich so absolut nicht zustimmen. Druck der Familie kann man sicherlich ganz unten ansiedeln, auf der einen Seite wird argumentiert, dass Eltern zu übervorsichtig sind, auf der anderen, dass sie eher von der Familie gedrängt werden müssen, zum Arzt zu gehen. Das passt meines Erachtens nicht zusammen.

Die Bürokratie ist ganz klar ein großer Bestandteil des Problems, diese aber nur zu kritisieren und keine sinnvollen Gegenvorschläge zu bringen (Vertrauen und Guter Willen #isklar #KapitalismusHerrDoktor) ändert grundsätzlich mal gar nichts.

Ich bezweifle übrigens auch, dass der Herr Dr. seine Angestellten einfach so nachhause schickt, wenn deren Kinder krank sind, aber das ist ein anderes Thema.

Als Elternteil hat man keine andere Wahl, als zum Arzt zu gehen. Die Arbeitgeber verlangen schlichtweg einen Nachweis für eine Krankheit. Gleiches gilt für Kitas. Wenn das Kind wieder gesund ist, dann muss das vom Arzt (von wem auch sonst?) bescheinigt werden. Das begrüße ich persönlich auch ausdrücklich, denn sonst würden ständig irgendwelche, von ihren Eltern (aus welchen Gründen auch immer) vorzeitig gesund-diagnostizierten Kinder auf die mehr oder weniger gesunden Kinder in Kita & Co. losgelassen. Zumal es (zumindest bei unserem Kinderarzt) auch so ist, dass man in der Regel direkt eine Gesundschreibung mitgegeben bekommt (für den Zeitpunkt, an dem die Krankheit erledigt sein sollte); und wenn das Kind doch noch schwächelt, dann muss man sowieso nochmal beim Doc vorstellig werden.

Zum Thema Attest im allgemeinen schreibt unser KA übrigens folgendes auf seiner Webseite:

Attest

Hier wird deutlich wie weit entfernt von der Realität manche Ärzte sich mittlerweile bewegen. Was nützt es mir bitte, wenn die Kita gesetzlich nichts vorzuweisen hat, eine Gesundschreibung von mir zu verlangen, mein Kind aber ohne diese eben einfach nicht in die Kita gehen darf?

 

Wann muss ein Kind überhaupt zum Arzt?

Je kleiner ein Kind ist, umso eher sollten Eltern es zum Arzt bringen. Säuglingen und Kleinkindern sieht man die Schwere der Erkrankung oft nicht an. Sie müssen deshalb gründlich untersucht werden. Größere Kinder müssen zum Arzt, wenn sie fiebern, Ausschlag haben oder wenn Eltern fürchten, es könnte sich um etwas Ernstes handeln. Husten ältere Kinder nur leicht, haben kein Fieber und ihre Lebensqualität ist nicht beeinträchtigt, braucht man nicht zwingend zum Arzt. Da reichen oft schon Hausmittel, Tee trinken, Ruhe und Abwarten.

 

Dieses Thema erhitzt die Gemüter unzähliger Menschen und sorgt für genügend Diskussionsstoff , da eben jeder andere Ansichten diesbezüglich hat.

Ich finde, dass Ärzte sich nicht nur auf überbordende Bürokratie und Belastungsgrenzen berufen sollten, ohne sich der Realität in der heutigen Arbeitswelt zu stellen und aktiv gegenzusteuern. 

Ich hatte auch die Gelegenheit mit einer Kinderarzt-Helferin (ich nenne sie mal Carola – Name von der Redaktion auf Wunsch geändert-) zu sprechen, die mir erzählte, wie es in der Praxis besser laufen kann.

Hier also mal ein paar von Carolas Vorschlägen , wie man die Organisation (an zunehmenden Untersuchungsaufkommen ändert das natürlich nichts) evtl. optimieren könnte:

  • Digitalisierung von Patientenakten (falls noch nicht erfolgt, natürlich unter Rücksicht auf Datenschutzaspekte)
  • Abmilderung von „Telefon-Stoßzeiten“ durch Einführung der Möglichkeit Termine online zu vereinbaren
  • Etablierung einer Telefon-Sprechstunden-Helferin, zusätzlich zur Online-Terminvergabe
  • klare Zuordnung von Tätigkeitsbereichen der einzelnen Schwestern (ermöglicht effizientere Arbeitsabläufe)
  • Online-Befundübermittelung
  • Einrichtung eines Kontaktformulares für Patienten/Eltern
  • Erledigung aller „Nebentätigkeiten“ (wird meist sowieso schon so praktiziert), um den Fokus des Arztes auf die Untersuchung des Patienten nicht zu unterbrechen
  • Aufnahmestop (sofern möglich; und Neugeborene ausgeschlossen)

 

Nichts desto trotz sollten natürlich auch Eltern hin und wieder (im besten Fall immer) ihr Hirn einschalten und vielleicht auch manchmal wirklich „Tee trinken und abwarten“. Gerade mit Kleinkindern ist man sowieso ständig wegen irgendwelchen Untersuchen beim Arzt, wenn ich Fragen habe, dann kann ich mir die auch mal ein paar Tage merken. Wenn mein Kind im Herbst, (wenn die Grippe-Welle grad mal wieder durchs Land schwappt) Husten und ein bisschen Schnupfen hat, dann gehe ich vielleicht auch nicht am Montag-Morgen in die Kinderarztpraxis.

Unterm Strich bleibt eigentlich nur zu sagen, dass es scheinbar für keine der Seiten wirklich befriedigend ist, wie es aktuell in unserem Gesundheitssystem läuft.

Ach und die Wahl unseres Kinderarztes müssen wir wohl wirklich mal überdenken.

 

*Hinweis: ich, bzw. wir, geben hier ausschließlich unsere höchstpersönliche Meinung ab. Solltet ihr Einwände oder Insiderwissen haben, dann immer her damit.*

3 Gedanken zu “Zimmer 7

  1. Uschi0815 schreibt:

    Mh…. ich bin hin und her gerissen. Da ich berufsbedingt jeden Kinderarzt unserer Stadt kenne, versteh ich das Problem nicht ganz. In den Praxen die einen Aufnahmestopp praktizieren läuft es, meiner Meinung, nach reibungslos. Bei allen anderen muss man, wie gesagt vor allem Montags morgens, auch einfach mal Wartezeit mitbringen. #kennsteschonmachstenix
    Aber dass Eltern unsicherer sind als früher und für jeden *räusperhustschnodder zum Arzt rennen?! Ne, seh ich nicht so. Ich glaube es hält sich nach wie vor die Waage: Helikoptereltern, Klientenfamilien #rtl2niveauihrwisstwasichmeine und der schnöde Standard. Gab es früher und gibt es heute. Wenn du aber mehr Patienten aufnimmst als du bewältigen kannst, wird es einfach eng. Weniger Beratungszeit, längere Wartezeiten, genervte Sprechstundenhilfen, unzufriedene Eltern, überlastete Ärzte.Und schon ein großes #mimimi auf allen Seiten.

    Gefällt 1 Person

    • nocheinpapa schreibt:

      Seh ich ganz genauso! Der nette Herr Dr. von der Vertretung der Kinderärzte schiebt eben Probleme ,wie Abweisungen von Patienten, auf bspw. gestiegenes Untersuchungsaufkommen. Empfinde ich persönlich als fadenscheinige Ausrede.

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